Florian Kruse vom Data Science-Startup Point 8 über agiles Arbeiten mit Scrum (Wie Startups arbeiten)

Große Datenmengen zu analysieren und wichtige Schlüsse daraus abzuleiten ist Kerngeschäft und Spezialität des Dortmunder Startups Point 8.

Mit echter Big Data umzugehen lernten die drei Gründer Tobias Brambach, Florian Kruse und Christophe Cauet bei ihrer Forschungsarbeit für die Europäische Organisation für Kernforschung, CERN.

Das 2016 gegründete Data Science-Startup unterstützt in den Bereichen Predictive Maintenance und Predictive Quality vor allem mittelständische Industriekunden dabei, mit Hilfe von Datenanalyse Qualitätsschwankungen in der Produktion oder Wartungsprozesse von Maschinen zu verbessern.

Als das Startup die magische Zahl von zehn Mitarbeitern erreichte, entschied sich das Team, seine Projekte mit dem agilen Scrum-System zu organisieren. Im Interview gibt Co-Founder und Geschäftsführer Florian Kruse Einblicke in den Arbeitsalltag des Startups, wie es Scrum konkret nutzt und welche Auswirkungen das System auf die Zusammenarbeit im Team hat.


"Das Interessante an Scrum ist, dass wir von der Geschäftsführung weniger steuern müssen. Im Idealfall organisiert sich das Team selbst."

Wie viele Mitarbeiter arbeiten bei Euch und in welche Arbeitsbereiche sind sie aufgeteilt?

Unser Team besteht derzeit aus 15 Mitarbeitern, davon 14 in Vollzeit. Die meisten von ihnen sind keinem festen Arbeitsbereich zugeordnet. Sie machen eine Mischung aus Projektgeschäft, Vertrieb und was sonst noch anfällt.

Das klarste Profil haben eigentlich nur die Assistenz der Geschäftsführung, die unter anderem für die Verwaltung zuständig ist, und die Teamassistenz, die sich darum kümmert, dass das Team alles hat, was es braucht und die auch dafür sorgt, dass unser Scrum-System gut läuft. Bei mir ist es zudem so, dass ich kein Projektgeschäft mehr mache, sondern mich nur um Management und Vertrieb kümmere.

Euer Kerngeschäft ist Data Science. Welche Art Fachleute arbeiten bei Euch?

Wir haben sehr viele Physiker, weil wir Gründer selbst Physiker sind. Am Anfang unserer Gründung war uns wichtig, Leute ins Team holen, von denen wir wissen, wie sie denken und wie sie ticken. Zuerst haben wir Physiker aus unserem eigenen Umfeld eingestellt, später auch welche, die wir nicht kannten.

Inzwischen haben wir auch Mathematiker im Team und führen Bewerbungsgespräche mit Leuten aus ganz anderen Bereichen. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir merken, dass wir uns mehr diversifizieren möchten und auch müssen, um nicht in die Gefahr zu geraten, zu sehr in der eigenen Suppe zu schwimmen.

Euer Team hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Welche Auswirkungen hatte das auf Euer Unternehmen?

Anfang 2018 hatten wir noch fünf Mitarbeiter und am Ende des Jahres waren es zwölf. Dass wir im vergangenen Jahr so stark gewachsen sind, lag vor allem daran, dass das Tagesgeschäft gut lief und zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute vor unserer Tür standen.

Der Hauptgrund, warum wir derzeit langsamer wachsen, ist, dass ein schnelles Wachstum auch die Firma verändert und unter Umständen auch für das Team nicht so gut ist. Mit zehn Mitarbeitern hatten wir eine Grenze erreicht, an der wir gemerkt haben, dass es sich im Unternehmen anders anfühlt als vorher.

Hatte man mit fünf oder sechs Leuten im Team über alles noch einen guten Überblick, haben wir uns Anfang 2019 dazu entschlossen, ein Projektmanagement-Tool einzuführen. Aus dem Team kam der Vorschlag, Scrum auszuprobieren. Das haben wir dann einfach mal gemacht und es hat gleich gut funktioniert. Das System kommt eigentlich aus der Softwareentwicklung und passt nicht eins zu eins zu unserer Projektarbeit. Wir haben es deshalb für unsere Zwecke etwas angepasst.

Wie sieht ein Arbeitstag für Euer Team aus?

Wir haben keine festen Bürozeiten, die Leute können kommen und gehen wann sie wollen. Es haben sich für meisten die normalen Bürozeiten eingependelt. Das liegt auch daran, dass der Großteil in Teams zusammenarbeitet und das klappt am besten, wenn alle da sind.

Das Data Science-Team arbeitet in einem Großraumbüro zusammen – tatsächlich auf eigenen Wunsch! Wir sind eigentlich davon ausgegangen, dass ein Großraumbüro nicht das ist, was die Leute wollen, weil es schnell unruhig wird und alle wie die Hühner auf der Stange sitzen.

Es lief erstmal als Experiment und dann wollten alle aus dem Team es beibehalten, weil sich eine gute Gruppendynamik entwickelt hat: Man kann intensiv zusammenarbeiten und sich sehr schnell austauschen.

Jeden Morgen kommen die acht Leute aus dem Projektteam für 15 Minuten zu einem festen Zeitpunkt zum Daily Standup zusammen, einem Element des Scrum-Systems. Dabei geht es darum, dass jedes Teammitglied kurz sagt, woran es arbeitet und ob es etwas gibt, wobei es nicht weiterkommt. Neben dem Kernteam sind regelmäßig auch weitere Mitglieder dabei, die zwischen den Projekten und anderen Aufgaben springen.

An unseren Projekten arbeiten wir in Sprints. Diese werden nicht von der Geschäftsführung gesteuert, sondern vom Team selbst festgelegt. Am Anfang jedes Sprints überlegt sich das Team, welche Stories – so werden die Aufgaben bei Scrum genannt – wollen wir diese Woche schaffen. Das können bis zu 20 Stories zu unterschiedlichen Projekten sein.

Der ganze Prozess wird mit Klebezetteln auf einem großen Whiteboard im Büro abgebildet. Im Prinzip kann sich jeder von den anstehenden Aufgaben die aussuchen, die er oder sie machen möchte. Wenn man eine Aufgabe erledigt hat, hängt man sie auf dem Whiteboard in die "Done"-Spalte und läutet die Schiffsglocke, die bei uns an der Wand hängt. Das ist das Signal, dass ein Teil des Sprints geschafft ist.

Am Ende der Woche gibt es eine "Demo", in der jeder kurz präsentiert, was er in der Woche gemacht hat. Danach gibt es die "Retro", in der alle Mitarbeiter gemeinsam diskutieren, was gut war in dieser Woche, was hätte besser laufen können und was wir uns als Ziel für die nächste Woche vornehmen möchten.

Wie hat sich die Einführung von Scrum auf Eure Arbeit ausgewirkt?

Das Interessante an dem Konzept ist, dass wir von der Geschäftsführung weniger steuern müssen. Im Idealfall organisiert sich das Team selbst. Ich persönlich habe sehr schnell gemerkt, dass ich mich weniger kümmern muss, dass die Abläufe viel reibungsloser sind und es weniger Rückfragen gibt. Der Austausch mit und in dem Team ist immer noch intensiv, aber es geht mehr um Ideen und inhaltliche Dinge als um organisatorische und das ist gut!

Ist Fachkräftemangel für Euch ein Thema?

Grundsätzlich ja. Bisher ist es für uns kein so schmerzhaftes Thema, weil wir bisher gut darin waren, wie wir die Leute ansprechen und auch Glück hatten. Wir hatten eigentlich immer mehr gute Bewerbungen, auch Initiativbewerbungen, als wir Mitarbeiter brauchten.

Aber wir spüren den Fachkräftemangel natürlich auch. Gerade Data Scientists sind extrem gefragt und können sich den Job aussuchen.

Was ist Euch für Eure Mitarbeiter wichtig?

Unser Anspruch ist es, unsere Mitarbeiter marktüblich zu bezahlen. Auch wenn wir nicht mit Konzerngehältern konkurrieren können, wollen wir nicht, dass unsere Fachleute mit wenig Geld nachhause gehen. Für uns ist es wichtig, dass unsere Mitarbeiter eigenständig arbeiten, dass sie mitgestalten können und eigene Ideen einbringen, die auch gehört werden.

Uns ist wichtig, dass unsere Leute gut arbeiten können und alles haben, was sie dazu brauchen. Kaltgetränke sind immer da und wir haben sehr guten Kaffee. Natürlich kommen die Leute nicht wegen des Kaffees zu uns, aber er ist eine Art Sinnbild für unser Mindset, dass wir Wert darauf legen, dass es unseren Mitarbeitern gut geht und dass sie gern ins Büro kommen, dass sie Spaß haben und es hier kein langweiliger 9-to-5-Job wird.

(Fotonachweis: Point 8 GmbH)


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