Fehlerkultur - kann ein Fehler eine Kultur haben?

Ganz eng verbunden mit den Überlegungen zu einer neuen Arbeitskultur, zu Selbstorganisation und zu einem hierarchiefreien Miteinander in Teams ist die Etablierung einer „Fehlerkultur“.

Was genau soll sich dadurch ändern? Sicher kein Wunsch nach bewussten Fehlern, oder? Soll wirklich etwas falsch laufen? Oder soll durch das bewusste Zulassen von Irrtümern die Motivation von Mitarbeitern gestärkt werden, auch einmal mehr zu wagen? Wer beurteilt, was falsch und was richtig ist?

Der Fehlerbegriff

Fehler sind in unsere Gesellschaft von Beginn an negativ besetzt.

Dabei beginnt das offensichtliche Beurteilen von falsch und richtig mit den ersten Erziehungsmaßnahmen. Man lässt Kinder nicht auf die heiße Herdplatte fassen, damit sie merken, ob das falsch oder richtig ist. Man weiß allgemein um diesen Fehler und gibt entsprechend Regeln weiter. In der Schule gibt es bunte Stempel für das Null-Fehler Diktat, später ein sehr gut für die Null-Fehler Mathearbeit. Eine Ehrenurkunde gewinnt man für den perfekten Absprung und ins Team gewählt wird, wer Tore schießt.

“Nicht aus der Reihe tanzen” – darauf ist unser gesamtes Bildungssystem ausgelegt. Unsere Gesellschaft misst Menschen an ihren Leistungen und Erfolge und verurteilt sie für ihre Niederlagen.

Und jetzt soll – im fortgeschrittenen (Berufs)Alter und nach all dieser Prägung – plötzlich Fehler machen „modern“ sein. Menschen sollen sich entfalten und ausprobieren.

Fehler im Arbeitskontext

Wenn von Fehlern im Arbeitskontext gesprochen wird, sind „kleine“ menschliche Fehler gemeint. Der Kollege X hat wieder vergessen etwas abzuspeichern, die Kollegin Y hat die falsche Rechnung verschickt und Kollege Z hat eine Deadline vergessen. Das alles sind klassische “Fehler”. Man wird vermutlich sagen, dass es auf den ersten Blick nicht schlimm ist – diese „Fehlerchen“ passieren doch täglich im Daily Business.

Genau, auf den ersten Blick sind das keine großen Fehler. Aber es sind eben die, die NICHT passieren sollten, weil sie

  1. das Unternehmen kein Stück weiterbringen,
  2. aus Unachtsamkeit resultieren und aufgrund unserer Erfahrungswerte vermieden hätten werden können,
  3. schädlich für das Geschäft sind.

Wenn eine Datei nicht abgespeichert wird und man keinen Zugriff mehr auf die Daten hat, ist dies unternehmensschädlich. Wenn eine Deadline für ein großes Projekt nicht eingehalten wird und dadurch Kosten für Zulieferer und Kunden entstehen, ist dies ebenfalls schädlich.

Was also darf eine Fehlerkultur tolerieren?

Neues Arbeiten darf nicht wahllos Buzzwords und neue Methoden zum Postulat erheben, um dann zu glauben, eine neue Unternehmenskultur geschaffen zu haben. Einfach mal eine Fehlerkultur auszurufen ist genauso sinnlos wie das Aufstellen des Tischkickers: es ändert nichts an den grundlegenden Einstellungen.

Nicht umsonst leisten sich Konzerne Think Tanks, Inkubatoren oder Labs, in denen sie neue Techniken, neue Arbeitsmethoden und Innovationen testen. Geschützte Räume, die Fehler erlauben ohne Wirkung auf das Gesamtunternehmen. Ist das besser, als die OP am lebenden Objekt? Arbeiten dann in diesen Keimzellen Versuchskaninchen und weiße Mäuse? Nicht ganz so extrem vielleicht, aber es zeigt, wie vorsichtig mit dieser Fehlerkultur umgegangen werden muss.

Allerdings hilft die Testumgebung nur bedingt weiter, denn der Schritt vom Labor in die reale Arbeitswelt kann nicht völlig ohne Risiko ablaufen – irgendwann müssen Mut und die Möglichkeit des Scheiterns kalkuliert werden, um Erfolg und Fortschritt zu ermöglichen.

Die Digitalisierung und der Wandel der Arbeitswelt zwingen auch aufgrund der Geschwindigkeit und der Komplexität zu Fehlern. Sie zwingen zum Irren und dazu risikoaffiner zu werden.

Fehler, Irrtum, Scheitern, Misserfolg, Lapsus…

In einer Fremdsprache lernt man Nuancen zwischen Begriffen oft besser kennen – denn im Englischen zum Beispiel kennt man ‚Mistake‘ als Fehler, obwohl man es besser wissen müsste, und ‚Error‘ als Fehler aus Unwissen…

Fehlerkultur bedeutet nicht, dass viel falsch läuft und es bedeutet auf keinen Fall einen Freifahrtschein für Blindheit, Schusseligkeit, mangelnde Absprache und fehlende Vorbereitung. Sie fordert Mut, Neues auszuprobieren und das Risiko in Kauf zu nehmen, zu scheitern. Aber unter Beachtung erprobter Prozesse. Man muss den gleichen Fehler keinesfalls mehrmals machen. Dann tritt man auch auf der Stelle.

Und sie fordert das ständige, iterative Auseinandersetzen mit den Konsequenzen von Irrtümern – zeitlich, finanziell, organisatorisch. In der Interpretation eines negativen Ereignisses liegt der Schlüssel, um zufrieden damit weiterleben zu können, um daraus zu lernen und neue Versuche zu entwickeln. Teams müssen wissen, was passiert, wenn sie scheitern, damit eine vertrauensvolle Umgebung entsteht. Quasi eine etablierte Laborumgebung.

Lernen, es richtig zu machen?

Fehlerkultur bedeutet einen konstruktiven Umgang mit Fehlern. Es sollte nicht der Stempel „Versagen“/“Fehler“ verteilt werden, wie in der Schule. Stattdessen kann man ohne Angst vor einer Bestrafung gemeinsam im Team offen über gemachte Fehler sprechen und Strategien entwickeln, wie dies zukünftig vermieden werden kann.

Damit braucht es eine (positiv besetzte) Lernkultur – beim Lernen macht man Fehler, übt, trainiert und versucht sich zu verbessern. Dabei erfindet man für sich neue Prozesse und Arbeitswege. Genau aus diesem Grund macht übrigens eine KI genauso viele Fehler, wie wir selbst – denn sie wurde ja von Menschen entwickelt und trainiert. Sie macht eins nicht: Flüchtigkeitsfehler aus Unachtsamkeit. Das kann sie nicht. Aber sie lernt auch nur im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten.

Das ist die Chance. Menschen und Organisationen lernen auf neuen Wegen, “Out of the Box”, kreativ. Sie können Prozesse grundlegend hinterfragen, umgestalten und neu erfinden. Dann sind Fehler- und Lernkultur Basis der neuen Unternehmenskultur.

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