Arbeitszeiterfassung – Stempelkarte versus New Work?

von Anna Wolf

Zwischen 44,4 Stunden (Griechenland) und 38,7 Stunden (Dänemark) – so lange arbeiten wir Europäer wöchentlich im Schnitt laut Statista (Zahlen von 2017). Selbst im kürzlich als so innovativ gelobten Finnland haben die Menschen demzufolge eine 40,2 Stunde Woche.

Und auch wenn sich die Diskussionen um die 4-Tage Woche der finnischen Ministerpräsidentin als fehlinterpretiert herausgestellt haben, stellt sich doch immer wieder die Frage: macht uns weniger Arbeitszeit produktiver – gar glücklicher?

Schließlich haben die meisten Menschen auch bei 6-Stunden-Tagen oder 4-Tage-Wochen noch andere Dinge zu tun: Schlaf, Sport, Ehrenamt, Kinder, Eltern. Einige Unternehmen haben schon kürzere Wochen und straffere Tage getestet. Microsoft in Japan schickte die Angestellten einen Monat lang nach 4 Tagen ins Wochenende. Das lief zumindest so gut, dass der Versuch wiederholt werden soll.

 

Harter Zeit-Schnitt

Und dann das neue Gesetz zur Erfassung der Arbeitszeit – das vermeintliche Ende von Home Office, Flexibilität, ja gar von New Work?

Im Kern von New Work geht es um gelebte Freiheit. Das scheint einem neuen Gesetz, mit dem die Freiheit des Mitarbeiters in seiner Selbstbestimmung über Zeit beschnitten wird, zu widersprechen. Und damit in vielerlei Hinsicht gleichzeitig nach einem Schritt zurück in einer Arbeitswelt, in der wir Balance individuell definieren.  

 

 Was aber nun ist denn diese „Arbeitszeit“?

Arbeitszeit ist laut §2 (1) ArbZG die Zeit „vom Beginn bis zum Ende der Arbeit.“ Macht noch nicht viel schlauer… Während wir uns einig darüber sind, dass wir Pausenzeiten und Wegezeiten nicht zur Arbeitszeit hinzurechnen, scheiden sich spätestens bei Home Office die (Wissens)Geister.

  • Das Marketingkonzept, das wir entwickeln, lässt sich auch beim Kochen, beim Sport oder eben auf dem Fahrweg weiterdenken – Arbeitszeit?
  • Die Ergebnisse eines Teamworkshops zum Design Thinking, den wir durchführen, wirken im Team abends, über Nacht, übers Wochenende nach – Arbeitszeit?
  • Neue Kreativitätstechniken aus Sicht klassischer Berufe…:„die spielen doch mit Lego!“ – Arbeitszeit?
  • Umgekehrt werden auch in der Pause auf dem Weg zum Bäcker schnell die neusten Infos aus dem Betrieb ausgetauscht oder – auch das mag ja sein – ein Kollege nutzt ein Meeting für eine kleine kreative Auszeit und denkt über den letzten Urlaub nach – Freizeit???

Was also jetzt ist Arbeitszeit? Viel wichtiger: was ist messbare Arbeitszeit?

Ist es wirklicher schlechter, diese zu dokumentieren oder bietet es uns einen Rahmen in aller Flexibilität und Ungewissheit um uns herum? Immerhin sind Absprachen im Sinne der Kunden bezüglich zeitlicher Verfügbarkeit ein sinnvolles  Nebenprodukt solcher Zeiterfassungen. Verbindlichkeit ist ein Zeichen der Wertschätzungen gerade im Zusammenhang mit Zeit.

 

Flexibilität und Vertrauen

Vor dem Hintergrund dieser vielschichtigen Überlegungen stellt sich die Frage: gilt eigentlich für jeden gleichermaßen, dass er sich durch eine Dokumentation in seiner Selbstbestimmung eingeschränkt fühlt? Wie oft passiert es in Teams, die flexible Arbeitszeiten vereinbaren (oder in denen bestehende Erfassungssysteme abgeschafft werden), dass dem mechanischen System ein Kontrollsystem aus Menschen folgt? Bei dem hinter vorgehaltener Hand über die Kollegin getuschelt wird, die morgens regelmäßig erst später kommen oder über den Kollegen, der keine Mittagspause macht, weil er lieber früher zuhause ist.

Oft weicht in flexiblen Zusammenhängen „nur“ die automatisierte Erfassung der durch die Kollegen. Die ist definitiv nicht transparenter oder vor allem nicht fair. Insofern gilt unabhängig von der Arbeitszeiterfassung, dass Vertrauen gegeben sein muss. Wenn Mitarbeiter unabhängig von Hierarchien darauf vertrauen, dass jeder nach seinen Möglichkeiten (und dazu gehören eben auch die zeitlichen) zum Arbeitserfolg beiträgt, dann gelangen wir dorthin, wo Arbeit sinnvoll ist.

Eines gilt für New Work wie für Arbeitszeiterfassung: es war nicht früher alles schlecht und jetzt ist alles gut. Eine Kombination von Systemen und Werten macht Menschen erfolgreich und in der Folge Teams und Unternehmen. Dazwischen liegt jede Menge Kommunikation. Flexible Arbeitszeit mach Arbeit nicht per se sinnvoller – Freiheit sehr wohl. Die Ausgestaltung ist die Aufgabe der Zukunft.

 

Fazit

Arbeitszeiterfassung kann – wenn grundsätzliches Vertrauen die Basis der Arbeitsbeziehung ist – Transparenz für beide Seiten schaffen. Das gilt für Arbeitszeit im Büro wie im Home Office. Eins ist klar: Produktivität und Leistung erfassen wir damit nicht. Denn was in den 8 (oder mehr oder weniger) aufgezeichneten Stunden „herauskommt“ – das ist eine ganz andere Seite der Medaille. Über die bloße Dokumentation sollten wir uns also nur halb so viele Gedanken machen wie über Arbeitswelten, in denen wir motiviert, gerne und effektiv arbeiten. Ein Ort eben, an dem man jeden Tag mit einem Lächeln zur Arbeit kommt. Wir nennen es Work Smart.

 

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